Kategorie: Berichte des Bundesverbandes

24.01.2019

Dresden, 24. Januar 2019: Frei ist, wer weder dienen noch gefallen muss

Anlässlich des 20-jährigen Bestehens des Amtes der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) geht das Amt in die Bundesländer. Der Auftakt der Veranstaltungsreihe „ZUKUNST! Perspektiven für Kultur und Medien“ fand im Dresdner Albertinum statt. Die Veranstaltung widmete sich den im Grundgesetz verankerten Rechten auf Kunst- und Meinungsfreiheit.

Unter dem Titel „Kunst und Freiheit“ diskutierten Prof. Dr. Marion Ackermann, Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, der Schauspieler, Musiker und Regisseur Christian Friedel sowie der Bildende Künstler Wolfgang Tillmanns. Es moderierte Léontine Meijer-van Mensch, designierte Direktorin der Staatlichen Ethnografischen Sammlungen Sachsen. Auf Einladung der Kulturstaatsministerin Prof. Monika Grütters kamen Akteure aus Kunst, Gesellschaft und Politik zusammen. Die Diskussion auf dem Podium und mit dem Auditorium sollte Anregungen für praktische Handlungsempfehlungen für das Bundesamt herausarbeiten. Klarer Konsens aller Beteiligten war: Eine staatliche Einflussnahme auf die Kunst ist unzulässig und der pluralistische Wahrheitsbegriff muss verteidigt werden. Prof. Grütters forderte in ihrer Eröffnungsrede eine Wertschätzung der Kunst, der jedoch die gegenwärtige Gratismentalität gegenübersteht, die Urheber*innen um ihren Erfolg bringt. Sie fragte, wie wir die Wertschätzung fördern können.

Sie stellte klar: „Kunst ist dann frei, wenn sie weder dienen noch gefallen muss“, und fuhr fort: „Wo Künstlerinnen und Künstler nicht gefällig sein müssen, wo sie irritieren und provozieren, den Widerspruch und den Zweifel kultivieren dürfen, beleben sie den demokratischen Diskurs und sind so imstande, unsere Gesellschaft vor gefährlicher Lethargie und unsere Demokratie vor neuerlichen totalitären Anwandlungen zu bewahren.“ Sie zitierte Hanno Rauterberg, der beobachtete: “Was zuvor ein Kampf gegen Zensur war, wandelt sich mancherorts in einen Kampf für Zensur…“.

Die Gesprächspartner auf dem Podium spürten möglichen Bedrohungen der Kunstfreiheit sowohl im nationalen als auch im ausländischen Rahmen nach. So konstatierten sie aktuelle Tendenzen zur Prüderie, eine Welt der zunehmenden Tabuisierung – besonders des Körperlichen – und eine neue Political Correctness. Marion Ackermann verwies auf die Gefahr, dass die Political Correctness in eine Hypermoralisierung umschlagen könnte und fragte, woher diese Entwicklung kommt. Hier äußerte Wolfgang Tillmans einen der seltenen Widersprüche an diesem Abend und pries die Political Correctness genau als das, was sie sei: korrekt.

Die Beschneidung von Freiheit kann jedoch auch ganz subtil stattfinden, zum Beispiel indem bestimmte Projekte nicht mehr gefördert werden – eine Praxis, die beispielsweise seit 2016 zunehmend die polnische Kulturlandschaft verändert. Christian Friedel stellte fest, dass im Theater (Besucher*innen-)Zahlen häufig wichtiger zu sein scheinen als der Inhalt der Stücke. Er plädierte für eine größere Freiheit zum Experimentieren und berichtete diesbezüglich von anregenden und diskursfördernden Erfahrungen bei seiner Regiearbeit in Göttingen.

Der im Publikum anwesende Bundesinnenminister a. D. Thomas de Maizière stellte – bewusst provokant – die Frage, wie damit umzugehen sei, dass nachweislich große Kunst auch unter Druck und in Unfreiheit entstanden ist.  Marion Ackermann erwiderte darauf, dass diese Auffassung zu „romantisch“ sei, da es genug Gegenbeispiele von Künstler*innen (zum Beispiel Kandinsky und Dix) gibt, die in guten Zeiten ein umfangreiches Werk schufen und später, unter schlechteren Verhältnissen viel weniger Bilder hervorbrachten.

Der Besucherin bleibt letztendlich besonders die leidenschaftliche und fundierte Eröffnungsrede der Staatsministerin Monika Grütters im Gedächtnis. Aber ob die Staatsministerin mit vielen neuen Erkenntnissen nach Hause fuhr, wie sie gehofft hatte, ist die Frage.

Doris Granz